Taubblindenseelsorge – berühren ist notwendig

Diakon Peter Hepp verabschiedet sich von seinem 25 Jahre langen Dienst als Seelsorger bei Taubblindheit

Gemeinsam haben wir viel geschafft.
Im Januar 2026 werde ich mich verabschieden.
Im Sommer 2000 bekam ich vom Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart den Dienstauftrag, als „Seelsorger bei Menschen mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung“ zu arbeiten. Das erste Büro befand sich in Rottenburg selbst.
Es war deutschlandweit die erste und ganz neue hauptamtliche 100 %-Stelle für diese besondere Seelsorge. Sofort begann ich, diesen neuen  Dienst aufzubauen.
Ich war damals 39 Jahre alt. Und jetzt, an Silvester, am 31. Dezember 2025, bin ich dann genau 64,5 Jahre alt und beende an diesem Tag meinen Dienst.
Ab 01. Januar 2026 bin ich dann offiziell im Ruhestand.
Gerne lade ich nun ein zum gemeinsamen Rückblick auf die 25-jährige Geschichte der Taubblindenseelsorge….
Mein erstes Büro in der Sülchenstraße war schlicht, aber praktisch ausgestattet mit einem speziellen PC und dem Lesegerät. Für viele taubblinde und hörsehbehinderte Menschen heute ist es kaum vorstellbar, dass es keine Beratung, Seelsorge bei Menschen mit Hörsehbehinderung/Taubblindheit keine Assistenz oder spezielle berufliche Rehabilitationsmöglichkeiten für Taubblinde gab. Alles war neu und es gab eine große Bereitschaft, das Neue zu entdecken. Mit Beginn meiner  seelsorgerlichen Tätigkeit startete auch meine Ausbildung zum Ständigen Diakon. Meine Frau Margherita war zunächst die einzige  Dolmetscherin. Ausbildung mit Dolmetscher und Assistenz so wie heute gab es damals auch noch nicht und so haben wir einfach ausprobiert. Es
war ein großes Glück für mich, dass ich in Rottenburg leicht Fachliteratur in der Diözesanbibliothek holen konnte. Ich habe sehr viel durch Lesen gelernt. Anfang Juni 2003 wurde ich zusammen mit sechs anderen Männern im kleinsten Dom Deutschlands in Rottenburg durch den damaligen Bischof Dr. Gebhard Fürst zum Diakon geweiht. Etwa  200 taube, hörbehinderte und taubblinde Menschen konnten im sehr vollen Dom die Diakonenweihe miterleben, die von einer Dolmetscherin für Gebärdensprache übersetzt wurde.
Seelsorge heißt nicht nur Gottesdienste feiern. Es geht auch um  Begegnung, Austausch, Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung. Bei uns war alles so, dass taubblinde Menschen teilhaben konnten. Das war von Anfang an mein Ziel. Ich habe regelmäßig monatlich Wortgottesdienste geleitet. Auch heute noch werde ich gefragt, wie das gehen soll, wenn man keine Musik hört und keine Bilder oder Gesten sieht. Wir waren immer sehr kreativ in der Gestaltung:
Trommelmusik, Tanz und Düfte gehörten bei uns selbstver-
ständlich dazu. In meiner Seelsorge war ich immer direkt mit den Menschen in Kontakt. Dazu gehören die besonderen  Kommunikationsformen wie Lormen oder taktiles Gebärden ganz selbstverständlich dazu. Diese besondere Nähe erfordert viel Geschick und Gespür. Meine eigene Betroffenheit als taubblinder Mensch war Seelsorge. Meine Leidensgenossen haben mir vertraut. Ich wusste ja am eigenen Leib, was sie erleben.
Anfänglich konnte ich noch mit einem Lesegerät arbeiten. Mein Sehen hat sich verschlechtert und ich habe mich innerhalb meiner Dienstjahre  auf die reine taktile Kommunikation eingestellt. Mithilfe der  Brailleschrift konnte ich meine Arbeit fortsetzen.
Als Seelsorger war ich auch „Anwalt der Taubblinden“ in vielen nichtkirchlichen Gremien. Viele Menschen haben mich und die Taubblindenseelsorge unterstützt und wir haben gemeinsam viel erreicht. Heute nennt man das „vernetzt sein“ – vernetzt mit anderen Seelsorgern, mit nichtkirchlichen Organisationen, mit Einrichtungen und auch mit der Politik. Und immer gab es das eine Ziel vor Augen: Alles zum Wohl der
taubblinden und hörsehbehinderten Menschen.

25 Jahre sind nun vergangen. Ich freue mich sehr darüber, dass die Taubblindenseelsorge ein anerkannter Dienst geworden ist. Bei der  Jubiläumsfeier in Rottenburg am 17. Juli sagte die Diözesanrätin, Frau Regina Seneca, dazu Folgendes:
„Unser Glaube geschieht nicht im Kopf oder im Denken. Die Sakramente als Grundvollzüge unseres Glaubens finden ihren Ausdruck in Handlungen und Zeichen. Deswegen ist die Seelsorge bei Menschen mit Hörsehbehinderung, mit Taubblindheit ein wichtiger Teil unseres Seelsorgerlichen Angebots als Diözese. Nicht nur als Angebot an  Menschen mit Einschränkung beim Hören und Sehen, sondern auch als Lernfeld für die Seelsorge als Solches, für ein achtsames, respektvolles
Interagieren von Seelsorgerin/Seelsorger und Mensch mit Bedürfnis nach Seelsorge.“ Bei der Feier in Rottenburg sprach Bischof Dr. Klaus Krämer sehr wichtige Worte. Hier ist ein Ausschnitt aus seinem Im-
puls:
„… Deshalb ist es wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen nicht nur ganz selbstverständlich zur Kirche, zum Volk Gottes gehören, sondern dass sie in der Gemeinschaft der Glaubenden auch ein besonderes und unverzichtbares Zeugnis geben und damit alle Christinnen und Christen auf eine tiefe und grundlegende Wahrheit unseres Glaubens aufmerksam machen: Dass jeder Mensch ohne Einschränkung und ohne Vorbedingung von Gott geliebt ist – so wie er ist. Und dass jeder Mensch von Gott so angesprochen wird, dass er seine barmherzige Liebe als Antwort auf sein Fragen, Sehnen und Suchen erfahren und erkennen kann.
Das ganz konkret erfahrbar werden zu lassen, ist vielleicht das wichtigste Verdienst der Seelsorge an taubblinden Menschen in unserer Diözese und dafür möchte ich Ihnen allen heute ganz besonders und ausdrücklich danken. Ich möchte Ihnen danken, dass sie durch ihr seelsorgerliches Wirken vielen Menschen die Teilhabe am kirchlichen Leben ermöglicht haben, ihnen als Seelsorgerinnen und Seelsorger zur Seite standen und stehen und so das Evangelium in seiner hoffnungsstiftenden Kraft erfahrbar machen. Sie haben diese wichtige Arbeit über unseren diözesanen Kontext hinaus in den kirchlichen, sozialen und politischen Raum hinein vernetzt (Vertreter der Erzdiözese Freiburg, der Evangelischen Landeskirche etc.). Und sie haben diese Impulse auch für die Weltsynode in Rom fruchtbar gemacht.
Dafür möchte ich Ihnen, Herr Diakon Hepp, ihrer Frau und allen, die mit ihnen zusammen diesen wichtigen und wertvollen Dienst tun, ganz ausdrücklich danken. Wir sind stolz auf Ihre Arbeit und wir werden sie auch in Zukunft unterstützen und ermöglichen. Als Pilger der Hoffnung sind wir in diesem Heiligen Jahr unterwegs. Ihre Arbeit gehört für mich zu den Gesichtern der Hoffnung, von denen Papst Franziskus immer wieder und sehr betont gesprochen hat – zu den Zeugnissen gelebten christlichen Glaubens, die uns Hoffnung machen und Zeugnis geben von der barmherzigen Liebe Gottes in einer Welt, die immer noch von zu viel Unbarmherzigkeit und Gleichgültigkeit bestimmt ist. …“
Danke!
Ich danke allen von Herzen. Ihr seid für mich die „Gesichter der  Hoffnung“, von denen Bischof Klaus spricht. Voll Dankbarkeit blicke ich zurück auf viele Jahre der Lichtblicke. Ihr zeigt mir, dass es trotz Dunkelheit und Stille in der Welt heilbringende Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes gibt. Ich bin dankbar für die wunderbare Kooperation unserer beiden Diözesen, insbesondere mit Frau Doris Spitznas und ihren Vorgängern. Euch allen, liebe taubblinde, gehörlose, hörende Freunde aus der Erzdiözese Freiburg, danke ich für die gemeinsame Zeit, die wir verbracht haben.
Ich lade euch herzlich ein zu meiner Verabschiedungsfeier in Rottweil:
Am Sonntag, den 18. Januar 2026 um 12:00 Uhr in der Kirche Auferstehung Christi in Rottweil, mit kleinem Imbiss danach.
Herzliches „Vergelt`s Gott!“
Peter Hepp

(Der Artikel ist erschienen im Rundbrief „MittenDrin“, 1/2026, alle Fotos von Peter Hepp)