Impulse und Mitteilungen
Hier finden Sie „Orientierung“: Impulse und Mitteilungen der Kirchengemeinden Rottweils über aktuelle Themen, Anstöße für den Alltag und Hinweise zu bevorstehenden Festen. Alle Artikel erscheinen alle zwei Wochen in der Samstagsausgabe des Schwarzwälder Boten.
Orientierung 16 vom 8. August 2026
Impulse für den Alltag
Alles lassen können, weil Gott mich nicht lässt.
- Von Michael Becker
Ein berührender Leitartikel, den Timo Weber hier verfasst hat. Ich möchte gerne in aller Demut ein paar Gedanken dazulegen. Als Mensch, der leider immer wieder auch mit Ängsten zu kämpfen hat, spricht mich die Gelassenheit an. Wo erlebe ich das im Alltag?
Situation 1: Ich bin auf dem Fahrrad unterwegs ins Fitnessstudio. Auf halber Strecke fällt mir ein, dass ich Handtuch und alles zwar habe, aber die Sportklamotten noch zu Hause hängen. Ich widerstehe der Versuchung, erst einmal mit mir selbst ins Gericht zu gehen, sondern fahre geduldig zurück und hole sie. Habe ich schon eine kleine Fahrradtour gemacht. Der Umgang mit mir selbst hat Einfluss auf den Umgang mit anderen.
Situation 2: Ich stehe an der Ampel. Es wird grün. Vor mir einer, der aus irgendeinem Grund nicht losfährt, bis es wieder gelb wird. Na danke, wegen dir P…. muss ich jetzt noch eine Runde warten. Andererseits: Solange ich nicht auf den Zug muss, machen die paar Minuten auch nichts aus.
Jesus selbst zog sich immer wieder zurück in die innige Verbundenheit mit Gott. Das gab ihm die Kraft, auch gegen Widerstand klare Worte zu finden. Es half ihm, auch auf Menschen wie Zöllner und andere Outlaws zuzugehen, die ihm nicht unbedingt gesellschaftliche Vorteile bringen konnten. Und er ließ sich nicht durch Äußeres blenden, sondern sah den Menschen auf den Grund ihrer Seele, in ihre Sehnsüchte, weil er sich bei Gott im Innersten aufgehoben wusste.
„Alles lassen können, weil Gott mich nicht lässt.“ So hat Andrea Schwarz es einmal formuliert.
Zur Ruhe kommen – bei Gott
Wie uns die „Johannes-Minne“ im Leben eine Stütze sein kann.
- von Timo Weber
„Minne“ war im Mittelalter ein Wort für „liebevolle Zuneigung“. Der Tradition nach ist es der Johannes, von dem es im Evangelium heißt: „Es war der, den Jesus liebte“ (Johannes 13,23).
Die christliche Kunst hat dieses Thema aufgegriffen und die so genannte „Johannes-Minne“ geschaffen. Johannes sitzt neben Jesus, den Kopf an die Brust des Herrn gelehnt. Jesus hat den Arm um den Jünger gelegt. Jesus ist hellwach, sein Jünger schläft. Damit ist eine Gelassenheit angedeutet, wie sie vielleicht nur dem Glauben eigen ist. Ich kann vertrauen und bin getrost, Gott wacht über mir, er schaut nach mir. Er ist hell-wach für meine Freuden und Hoffnungen, für meine Sorgen und Ängste.
Man könnte das auch so deuten: Gott hat ein Herz, das für den Menschen schlägt. Ein Herz, das groß genug ist, um dem Menschen Platz zu bieten, ihm Geborgenheit und Frieden zu schenken. Gott hat ein großes Herz, an das sich der Mensch mit seinem kleinen Herzen getrost anlehnen darf. Ein Bild von Innigkeit und Zärtlichkeit.
Ein weiterer Gedanke liegt nahe: Jesus hat eine Hand auf die Schulter des Johannes gelegt, mit der anderen hält er den Jünger. Das sieht aus, als hätte der Künstler folgendes Wort aus dem Alten Testament im Blick gehabt: „Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.“ (Psalm 139,5) – Menschliches Leben ist geborgen im göttlichen Leben.
Ein letzter Gedanke zur „Johannes-Minne“: Ein Fuß des Jüngers ist verdeckt, gleichsam ersetzt durch den Fuß Jesu.
Wir meinen oft, nur auf eigenen Füßen stehen, allein mit dem Leben fertig werden zu können. Es tut mir gut zu wissen, dass ich gehalten bin und Jesus mit mir geht. Ich muss nicht alles alleine können und schultern.
Ich wünsche Ihnen in diesen Wochen ruhige Momente, an denen Sie durchatmen können und wieder neu zur Gelassenheit finden. Und dies gerne an der Schulter Jesu.
Johannes sitzt neben Jesus, den Kopf an die Brust des Herrn gelehnt.
Foto: Timo Weber
Barmherzigkeit unterwegs
- Von Michael Becker
Es sind Ferien. So möchte ich Ihnen heute eine Ferienerfahrung weitergeben, die der Jesuit Christian Modemann (in dem Büchlein W.Lambert, Von Ignatius inspiriert, Würzburg 2011, 81f) beschrieben hat. Er erzählt von einer Pilgerwanderung ohne Geld, ohne Buchung, zu Fuß mit einem Mitbruder nach Taizé. Eines Abends seien sie müde und hungrig an ein Bildungshaus gekommen in der Hoffnung, dort unterzukommen, umsonst natürlich. Der Priester dort las ihnen erst einmal die Leviten: Ob sie das etwa christlich fänden, auf Kosten anderer Menschen unterwegs zu sein, hielt er ihnen vor. „In dem Moment wurde für mich spürbar und erfahrbar, was die Barmherzigkeit bedeutet, die ich mir so wünschte: etwas trotzdem für jemanden zu tun, obwohl ich es nicht gut finde, was er macht. …Ich selbst habe den Herrn täglich darum gebeten, dass er uns barmherzige Menschen schenkt, die Möglichkeiten sehen und Ausnahmen zulassen können.“ Je älter ich werde, desto mehr spüre ich, wie abhängig ich bin von der Barmherzigkeit anderer und diese auch von meiner. Und immer, wenn ich meine, jetzt ist aber gut, da geht es eigentlich erst los.
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