Erinnerungen von Andreas Haas

„Pater Neubrand hat mich sehr geprägt.“

  • Neubau Eucharistinerkloster: Das alte Kloster stand an der Königsstraße im Bereich der heutigen Shelltankstelle /  Kreissparkasse. Es war ein einfacher Barackenbau. Schon dort hat uns Pater Neubrand mit seiner offenen Gemeinde, seiner lebendigen Art Gottesdienste zu machen und seinen dem Leben zugewandten Predigten angesprochen. Der Neubau des Klosters wurde von Architekt Hans Lünz geplant, Pater Neubrand war für alles Moderne, alles Interessante und alles ausgeprägt künstlerische offen. Mein Vater hat die Zusammenarbeit mit ihm sehr geschätzt. Der Abriss des Klosters war bestimmt für alle damals Verantwortlichen ein herber und nicht gutzumachender Verlust.
  • Gottesdienste: Das von Pater Neubrand eingeführte  Gesangbuch war eine Loseblatt-Sammlung, nicht das  heutige Gotteslob. Es hat gelebt, Lieder wurden ergänzt,  immer mehr Taizé-Lieder aufgenommen. Dadurch wurde es immer mehr zum individuellen Gesangbuch unserer  Gemeinde, ohne Schmalz, ohne Konservatismus, frisch  und frei. Einmal kam unser Hund in den Gottesdienst, eine riesige Dogge. Sie trottete den Gang nach vorne, hoch zum Altar und hielt Ausschau nach uns. Pater Neubrand ist weder zurückgeschreckt noch hat er irgendwie negativ reagiert, sondern den Hund im Gottesdienst willkommen geheißen. Die Gottesdienste waren geprägt von: Offenheit,  Improvisation, guter Musik, vielen völlig unterschiedlichen  Akteuren, wenig Konventionen. Glauben wurde gelebt,  nicht gelehrt. Steinwolke hatte ihre ersten Auftritte in den Gottesdiensten, Konrad wunderbar mit Blockflöte, Dominic mit Africadrums, ich mit Kontrabass und der schwer behinderte Peter am Klangrohr.
  • Beichte: Vor meiner ersten Beichte im Rahmen der  Erstkommunion hatte ich natürlich Schiss: Wie geht das?  Wie sieht der Beichtstuhl von innen aus? Was sage ich,  was verschweige ich, wo lüge ich, falls der Pfarrer  nachfragt? Doch dann die große Überraschung: Pater  Neubrand ging mit mir nicht in den Beichtstuhl sondern in  einen ganz normalen Raum, wir saßen uns auf zwei  Stühlen gegenüber und hatten ein für mich bis heute  prägendes Gespräch: Es ging nicht um Sünde, Fegefeuer,  Buße, Hölle oder Himmel. Es ging um das Leben, er hat  von sich erzählt, ich von mir und ich hatte unbegrenztes  Vertrauen das zu sagen, was mir auf dem Herzen lag. Ich  ging aus dem Gespräch gestärkt, selbstbewusst, befreit  und froh über so einen Pfarrer.

Erinnerungen von Rebekka Haas-Cetin

„Ein toller Pfarrer“

Ich kann mich an beides erinnern, die Erstkommunion und später die Firmung.

Ich hatte nur immer ein Problem mit dem Beichten, das Konzept überhaupt hat mich schrecklich unter Druck gesetzt und ich habe meine Sünden erfunden weil die echten Sünden zu sündig waren.

Ich habe ihn als locker, außerordentlich sympathisch, sehr bescheiden und nicht dominant empfunden.

Ich mochte ihn sehr, er war eine Vertrauensfigur für mich, mehr energetisch als verbal.

Er hat mir das Christliche nicht verdorben was ungewöhnlich ist für einen Kleriker.

Erinnerungen von Renate Greve

Wenn man an Pater Siegfried Neubrand, den ersten Pfarrer der Auferstehung-Christi-Gemeinde erinnern möchte, muss man das Innere des Kirchenraumes auf sich wirken lassen. So wie dieser Raum ein stein- bzw. beton-gewordenes Zeugnis des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde, so ist es diesem Eucharistinerpater zu verdanken, dass eine Gemeinde entstehen konnte, die den zentralen Gedanken des Konzils, nämlich den des wandernden Gottesvolkes, das in seiner Offenheit und den Mut zur Neuorientierung immer in Bewegung ist, aber nie die Begleitung und Führung Gottes dabei vergisst. Siegfried Neubrand war sozusagen ein Abgesandter des pfingstlichen Aufbruchs und hat das in vielen Diensten und Aufgaben lebendig werden lassen: weibliche Ministrantinnen und Kommunionhelferinnen,Hauskreise und Hausmessen, Frühkommunion, Fürbitten, gelesen von spontan ausgesuchten Kirchenbesuchern, thematische Gottesdienste, selbstverständliche Akzeptanz von wiederverheiratet Geschiedenen, Handkommunion…

Seine Predigten ließen den neuen Geist erkennen, er konnte auch mit Humor eigene Fehler eingestehen und seine „Schäfchen“ in ihren Eigenarten stehenlassen. Viele fühlten sich eingeladen, wenn er zu Beginn des Gottesdienstes an der Kirchentür stand und einige bat, die Fürbitten zu lesen.

Erinnerungen von Angela Flaig-Bücheler

Pater Neubrand bat mich einmal, eine Maiandacht in Hausen zu übernehmen, da er keine Zeit hatte. Er musste mich arg dazu überreden, denn dass das eine Frau macht, damals … wir haben dann ausgemacht, dass es vorher niemand erfahren darf. Und er sagte später: Ich war ja dabei, im Geiste …

Dominik Burkard (*1967, ca. 1980-1987 Leiter der Ministranten in „Auferstehung-Christi“, Rottweil)

An P. Neubrand habe ich natürlich Erinnerungen – sie beginnen (ganz früh, als höchstens 3-Jähriger) mit der Anlage des Außenbereichs des Kindergartens am Krummen Weg, den ich wenig später selbst besuchte: an etlichen Samstagen, durch einige Väter der damaligen Kindergartenkinder oder Gemeindekinder, die zum „harten Kern“ der neuen Gemeinde gehörten. Unser Papa – als Bautechniker „vom Fach“ – war auch dabei, und eben auch P. Neubrand und Pfarrsekretärin Frl. Schnaberich in Bauarbeiter-Latzhose – ich sehe sie so noch lebendig vor mir. Da wurden Sandkästen angelegt und Klettergerüste gebaut.

Zweite Erinnerung dann natürlich die Gottesdienste: irgendwie beeindruckend, deshalb von uns Kindern (Marcus und Kathrin Planer, mir, vielleicht auch mein Bruder Philipp) nachgespielt, mit Ernsthaftigkeit, da gibts noch Fotos. Dann: Meine ganz private „Frühkommunion“ in einem der Kindergottesdienste, alle standen um den Altar, es war ein furchtbares Gewusel, ich einer der Kleinsten, und plötzlich hatte ich auch die Kommunion in den Händen (woran aber Bruder Meinrad „schuld“ war). In Erinnerung sind mir hoffnungslos überfüllte Bußgottesdienste vor Ostern (vielleicht auch Weihnachten) – die Kirche hatte damals noch über 600 Sitzplätze, alles voll und noch hinten standen die Massen. Für viele dürften diese Gottesdienste wohl der Ersatz für die damals schon schwierige Beichte gewesen sein; wir wurden dennoch von den Eltern zur Beichte angehalten, zu der ich aber meist nicht nach AC zu P. Neubrand ging, sondern nach Ruhe-Christi zu den Franziskanern; das war mir anonymer. Nach der Erstkommunion dann Ministrant und als solcher so ca. 10 Jahre bei P. Neubrand (manchmal auch dem schon älteren, herzkranken P. Stehle) – wenn ich überschlage also bei so etwa 500 Sonntagsgottesdiensten und sicher weit über 100 Beerdigungen. Bei letzteren fiel mir rasch auf: Nach einem kurzen Rückblick auf das Leben des/der Verstorbenen folgte immer dieselbe Predigt. Ich hörte sie – wenn ich als Ministrant allein war – meist in der Friedhofssakristei mit an und konnte sie bald auswendig, so dass ich immer wusste, was gleich kam; erst danach war ich als Kreuzträger auf dem Gang zum Grab gefragt (das Kreuz war P. Neubrand wichtiger als der Weihrauch – das Weihrauchfass nahm dann Herr Hölle, der leitende Mann des Friedhofs, mit zum Grab). Theologisch war diese Beerdigungspredigt, ganz von Paulus ausgehend, top, was ich damals nur intuitiv spürte, was mir aber natürlich erst viel später aufging.

Überhaupt: Ohne das heute genau festmachen zu können, hat mich – und sicher die Gemeinde überhaupt – P. Neubrand theologisch und religiös stark geprägt. An die Firmvorbereitung, die in Gruppen stattfand, erinnere ich mich noch, und daran, dass ich froh war, der durch P. Neubrand geleiteten Gruppe (das hing an den Wochentagen) zugeteilt worden zu sein. – 1980 zog unsere Familie nach Zimmern, kirchlich aber blieb zumindest ich in AC. Es gab damals eine „Krise“ der Ministranten, Stephan Gut hatte die Leitung aufgegeben, es gab keinen Ersatz. Da sprach mich – bei einem Einkauf im „Tante-Emma-Laden“ in der Bruggerstraße – Frau Schütz an und meinte: „Das könntest doch Du machen. Überleg mal!“. Ich war damals vielleicht 12; nach ein paar Tagen Bedenkzeit sagte ich „ja“. P. Neubrand spielte dabei (meiner Erinnerung nach) keine Rolle.

Als Ministrantenleiter (Gruppenstunden, Erstellung des Dienstplans, „Akquise“ neuer Ministranten nach den Erstkommunionen, Einlernen der „Neuen“, Hütten-Wochenenden in der Plettenberg-Hütte, später in einem Haus bei Aichhalden) hatte ich quasi vollständig freie Hand. P. Neubrand hat nie reingeredet, allerdings auch nie besonderes Interesse gezeigt (ich hätte mir damals mehr gewünscht); aber er hat mich einfach machen lassen. Selbst als ich mich dafür stark machte, die noch relativ neuen „grauen Kutten“ (die ich trostlos und schrecklich unbequem fand) abzuschaffen, legte er mir nichts in den Weg; er ließ auch zu, dass auf meine Initiative hin bei Festtagen die „Schellen“ wieder eingeführt wurde (denn die Mini-Gruppe wuchs allmählich und alle wollten beschäftigt sein). Zur Vorbereitung/Probe besonderer Gottesdienste (Feiertage, insbes. Karwoche) bekam ich immer alle Texte etc. im voraus (die berühmten Din-A5-Zettel), damit ich genauen Einblick hatte.

Entscheidend dann die Krankheit von Br. Meinrad und die Bitte von P. Neubrand, ob ich nicht zusätzlich die Mesner-Vertretung übernehmen könne; gegen Besoldung. Aus den geplanten paar Wochen wurden viele Monate. Das war natürlich ein riesiger Vertrauensbeweis – ich hatte ja volle Schlüsselgewalt, morgens und abends auf- und abzusperren, die Kirche zu „versorgen“: das „Ewige Licht“, zu den Gottesdiensten den Altar herzurichten, nach Kerzen und Blumen zu schauen, die Weihwasserbecken zu kontrollieren, die Opferlichter vor der Marienplastik bei der Taufkapelle aufzufüllen bzw. abzuräumen, rechtzeitig zu läuten (wir hatten kein automatisches Geläute), die vier Mikros (auch das damals in AC übliche Fürbitten-Mikro in einer Bank des Mittelblocks) anzuschließen und auszuprobieren. In der Sakristei selbst war ebenfalls einiges zu tun, was mir neue Horizonte eröffnete: Dem gedruckten „Direktorium“ der Diözese war etwa zu entnehmen, welche Gottesdienst-Möglichkeiten am jeweiligen Tag zur Auswahl standen, demnach hatte ich dann die entsprechenden liturgischen Bücher und Schrifttexte herauszusuchen, außerdem Gewand bzw. Stola in der entsprechenden Farbe bereitzulegen (bei P. Neubrand „stach“ der fortlaufende Wochentag meist den „kleinen Gedenktag“ der Heiligen, dann wieder ein Requiem den Wochentag …); es gab außerdem (von der Frl. Schnaberich auf Din-A6-Zettel geschriebene) „Messintentionen“, die auf den Altar gelegt werden mussten, falls keine „allgemeine Gebetsmeinung“ vorgeschrieben war. Kurzum: Ich hatte als Mesner alle Gottesdienste zu „managen“, was damals doch noch ziemlich viel war (werktags morgens 7 Uhr, abends 18 Uhr; sonntags 7 Uhr in St. Michael, 9 Uhr und 10 Uhr in AC). Das Ganze lief neben der Schule her – ich ging ja noch ins AMG – sommers, wie winters (ich erinnere mich an einen Morgen mit mind. 40 cm Neuschnee, ich hatte gerade den Führerschein erworben und kam gegen 6.30 zur Kirche, wo ich mir erst selbst eine Parkbucht plattwalzen musste, um das Auto abstellen zu können). Als Mesner habe ich werktags immer auch ministriert sowie die Lesung übernommen, worum P. Neubrand mich bat (und was mir anfangs nicht leicht fiel). Ein Highlight war sicher die „Gemeindemission“ (1986?), zwei Wochen hindurch mit täglich drei besonders gestalteten Gottesdiensten, zu der drei auswärtige „Missionare“ kamen und die Kirche wirklich brechend voll war. Ich hätte mir damals eigentlich ein Bett in der Sakristei aufstellen können. Meine Dienste über die Jahre wurden sicher nicht als „selbstverständlich“ genommen, waren aber (mir gegenüber jedenfalls) auch nie der Rede wert.

In Erinnerung ist mir, dass P. Neubrand vor den Gottesdiensten immer in der hinteren „Rumpel“-Kammer der Sakristei bei qualmenden Zigaretten (sein „Rauchopfer“; die Zigaretten rauchte er immer mit einem damals längst aus der Mode gekommenen Zigarettenhalter) seine Predigt noch einmal durchging. Erst danach kam er zum Anziehen in die eigentliche Sakristei. – Sein Weggang aus Rottweil war ein tiefer Einschnitt für die Gemeinde. Ich glaube, allen ist erst da richtig bewusst geworden, was wir an ihm hatten. Seine Gottesdienste waren immer ausgezeichnet vorbereitet. Das besondere Augenmerk lag auf der Verkündigung, der Wortgottesdienst scheint mir immer ein besonderer Schwerpunkt gewesen zu sein (was für einen „Eucharistiner“ ja eigentlich untypisch war): überhaupt: alles konzentriert auf das Wesentliche. Alle Texte waren aufeinander abgestimmt, nichts wurde einfach aus dem Messbuch genommen, sondern selbst formuliert, umformuliert … Auch im Äußeren war P. Neubrand allem Schnickschnack abhold, als Pater oder Priester so nicht einmal erkennbar. Integrierend durch das „Wie“ dessen, was er tat, nicht durch billiges Gerede oder Anbiederei.

Er war (und blieb es wohl stets) ganz vom Konzil geprägt. Es gab sicher einen engeren Kreis in der Gemeinde (zu denen die Familien Schütz und Friedrich, Künstler Haas, Kessl, Bortolot und andere mehr gehörten), der ihn in besonderer Weise stützte bzw. mit ihm Ideen entwickelte. Seine Stärke war, das – und die der individuelle, plurale Gruppenbildung in der Gemeinde – zuzulassen und zu fördern. Dazu gehörten auch z.B. die Kindergottesdienste parallel zur Messfeier, der „Sonntagsfrühschoppen“, das „Stehen“ anstelle des „Kniens“ während des Hochgebets, das große Holzkreuz in der Karwoche, die Kreuzverehrung durch Blumenniederlegung, der Gemeindebrief mit dem bezeichnenden Namen „Die Brücke“ … – das war alles das „Besondere“, das man so aus den anderen Gemeinden nicht kannte. Anstelle des Messbuchs (das er nur in der Osterzeit benutzte), gebrauchte er immer ein abgeschabtes rotes Buch (im Din-A5-Format), das – wie ich später erst entdeckte – während der Liturgiereform (mit ihrem Übergang vom Lateinischen zum Deutschen) provisorische, experimentierende Texte enthielt. Er fand sie wahrscheinlich direkter, lebensnaher und deshalb besser als die später „kanonisierten“, glattgeschliffenen Texte des endgültigen Messbuchs.

In Retzstadt habe ich P. Neubrand nur einmal besucht, während meines Tübinger Theologiestudiums. Er war überrascht. In meiner Würzburger Zeit (nach 2003) wollte ich das immer mal tun – und tat es doch nie, was mir heute leid tut. Aber auch er meldete sich nicht, obwohl er ja wusste, dass ich inzwischen Prof. im nahen Würzburg geworden war. Doch das passte ganz zu ihm. Wir hatten nie eine engere Beziehung. Aber ich habe ihm („gefühlt“ eher indirekt, und doch wohl weit mehr als mir bewusst ist) Wesentliches zu danken – und behalte ihn in guter Erinnerung.