Impulse und Mitteilungen
Hier finden Sie „Orientierung“: Impulse und Mitteilungen der Kirchengemeinden Rottweils über aktuelle Themen, Anstöße für den Alltag und Hinweise zu bevorstehenden Festen. Alle Artikel erscheinen alle zwei Wochen in der Samstagsausgabe des Schwarzwälder Boten.
Orientierung 01 vom 10. Januar 2026
Impulse für den Alltag
Ist der Mensch im Grunde gut?
- Von Michael Becker
Vor ein paar Wochen ist mir etwas Seltsames passiert: Wie immer hatte ich mein Fahrrad am Bahnhof abgestellt. Hinter dem Sattel war eine Gepäcktasche montiert. Darin lasse ich immer Fahrradhandschuhe und eine Sturmhaube liegen. Außerdem hing am Fahrrad ein neuer Fahrradhelm.
Als ich abends zurückkam, fehlten die Handschuhe und die Sturmhaube, der Fahrradhelm und die Satteltasche waren noch da, obwohl diese viel wertvoller sind.
Und da begannen die Gedanken zu kreisen: Muss ich in Zukunft den Helm mitnehmen? War das naiv, die Handschuhe dort zu lassen? Hat das irgendwann mal kommen müssen? Oder war der Dieb ein frierender Kerl, der glücklich war, Handschuhe gefunden zu haben? Ich habe mich dann für die letztere Variante entschieden und konnte mit dem Ganzen gut umgehen: Wenn ihm das eine Hilfe ist, soll es gut sein.
Allerdings stehe ich jetzt jeden Morgen vor der Frage: Nehme ich den Helm lieber mit oder lasse ich ihn hängen? In all den vergangenen Jahren ist nie etwas passiert, aber man weiß ja, Gelegenheit macht Diebe.
Der Mensch im Grunde gut?
Für mich ein alltägliches Beispiel für die Gedanken von Rutger Bregman: Ist der Mensch im Grunde gut und auf Kooperation ausgelegt oder ist er eigentlich böse und ein Egoist, der nur darauf wartet, Böses zu tun? Wenn es nach Bregman geht, kann ich den Helm getrost hängen lassen.
Solange ihn niemand dringender braucht als ich … Es kann sein, dass auch der Helm eines Tages fehlt, aber wenn ich ihn jetzt immer mitnehme, werde ich nie erfahren, ob das wirklich nötig war.
Warme Insel im kalten Meer
Zwölf Monate Weihnachten mit dem Mut, aus der Deckung zu steigen.
- Von Michael Becker
Morgen feiern wir mit der Taufe des Herrn den Abschluss der diesjährigen Weihnachtszeit. Christbäume werden gespendet, der Schmuck eingepackt, die Krippen abgebaut, zumindest die privaten.
Immer wenn ich die Kiste auf die Bühne stelle, frage ich mich im Stillen, was wird wohl sein, wenn ich diese wieder herunterhole? Was wird bis dahin alles geschehen sein? Was bringt dieses kommende Jahr? Und da sind in der Großwetterlage doch eher Bedenken als Vorfreude am Horizont.
Und das spürt man auch: Die Menschen sind dünnhäutiger als sonst, die Gesichter wirken irgendwie verschlossener. Weihnachten wirkte wie eine warme Insel in einem kalten Meer.
Kann man dies nicht irgendwie hinüberretten in die elf Monate, besonders in den kalten Januar? Fast als wäre es eine Botschaft, ist mir dieses Jahr an verschiedenen Punkten die Geschichte vom „Weihnachtsfrieden 1914“ begegnet. Der 1.Weltkrieg hatte bis zum 24.12.1914 bereits eine Million Todesopfer gefordert, bis in den Schützengräben an der Front ein Wunder geschah.
Es begann mit einem Weihnachtslied, das über die Fronten hinweg erklang, ging mit Rufen und Weihnachtsgrüßen weiter, setzte sich mit mutigen Soldaten fort, die ihre Schützengräben verließen und fand seinen Höhepunkt in einem Fußballturnier zwischen Männern, die sich kurz zuvor beschossen hatten. (vgl. R.Bregmann, Im Grunde gut, Hamburg 2023, 398ff.) Der Mut, aus den Schützengräben zu steigen, das war der Kern des Ganzen.
An dem Punkt wurden damals aus Feinden Nächste. Mut und Vertrauen, nicht erschossen zu werden, war der Antrieb. Ich glaube, der Mut, aus dem Schützengraben zu steigen, das ist der Punkt, der das warme Weihnachten in die kalte Jahreszeit hinüberretten kann. Bregman verweist auf die Hassbotschaften der sozialen Netzwerke als heutige Schützengräben, aber da fällt wohl jedem etwas Eigenes ein.
In diesem Sinne Ihnen ein glückliches Neues Jahr.
Deutsche und britische Soldaten feiern Weihnachten an der Front im Jahre 1914
Foto:wikipedia(gemeinfrei)
Das lese ich gerade
- Von Michael Becker
In den beiden anderen Artikeln kam er ja schon zur Sprache: Rutger Bregman und sein Buch: „Im Grunde gut, eine neue Geschichte der Menschheit.“ Rowohlt 2023. Worte können Menschen verändern und dieses Buch hat in mir einiges in Bewegung gebracht. Hier die Beschreibung auf der Buchrückseite: „Dass der Mensch grundsätzlich böse sei, ist ein Grundpfeiler westlichen Denkens: es halten uns immer nur etwas zivilisatorischer Lack, eine Handvoll Gesetze und Autoritäten davon ab, über unsere Mitmenschen herzufallen. Rutger Bregman fragt, wie es zu diesem Menschenbild kam. Und er wagt eine neue Geschichte – die des Menschen, der gut ist. Denn nicht Argwohn und Egoismus ermöglichten den Fortschritt der Menschheit, sondern Vertrauen und Kooperation. Bregman zeigt, warum die Pessimisten falschliegen. Und dass eine menschliche, gerechte und ökologische Welt möglich wird, wenn wir erkennen: wir sind besser, als wir denken.“ Und ich darf ergänzen, dass er dies nicht mit idealistischen Gedankenkonstrukten tut, sondern stattdessen eine Geschichte nach der anderen erzählt, wie etwa die vom Weihnachtsfrieden aus dem Leitartikel. 15 Euro, die sich lohnen.
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