Impulse und Mitteilungen
Hier finden Sie „Orientierung“: Impulse und Mitteilungen der Kirchengemeinden Rottweils über aktuelle Themen, Anstöße für den Alltag und Hinweise zu bevorstehenden Festen. Alle Artikel erscheinen alle zwei Wochen in der Samstagsausgabe des Schwarzwälder Boten.
Orientierung 05 vom 07. März 2026
Impulse für den Alltag
Die Fahrstunde und die Landtagswahl
- Von Michael Becker
Ich erinnere mich noch genau an meine erste Fahrstunde vor über 40 Jahren. Der Fahrlehrer saß neben mir, ich aufgeregt am Steuer und er sagte zu mir: Du musst Deinen Blick immer auf den am weitesten entfernten Punkt halten. Denn wenn du direkt auf die Straße vor dir blickst, dann überlenkst du ständig und kommst ins Schlingern.
Ich weiß nicht, warum mir diese Selbstverständlichkeit immer noch im Gedächtnis ist, vielleicht weil sie so universal ist. Sie lässt sich nicht nur auf das Autofahren, sondern auf viele andere Lebensbereiche anwenden.
Zum Beispiel auf das Einkaufen: Stichwort Impulsartikel oder Stichwort Sale. Im Anblick des begehrten Artikels das Gefühl kommen lassen, es genießen und wenn es schwächer wird, sich fragen: Brauche ich das überhaupt? Welchen Gewinn habe ich auf lange Frist davon?
Oft genug löst sich mancher Impuls dann in Nichts auf. Das gilt übrigens auch angesichts einer Landtagswahl. Folge ich meinem momentanen Impuls, einem Gefühl oder wähle ich langatmiger? Mache ich mir bewusst, dass die Partei, die ich da wähle, dann tatsächlich 5 Jahre an der Regierung sein könnte?
Blick weit nach vorne
5 lange Jahre. Will ich das überhaupt, was die so wollen, weiß ich überhaupt, was die so wollen? Und ist das realistisch, was die so wollen? Wollen die überhaupt das, was sie zu wollen behaupten?
Demokratie bedeutet Herrschaft des Volkes und wenn ich meine Rolle als Herrscher ernst nehme, dann sollte ich auch hier meinen Blick weit nach vorne richten.
Ihr sollt meine Zeugen sein
Ein Zeuge spielt nicht, er gewinnt mich.
- Von Michael Becker
Wahlplakate – seit Wochen lächeln Menschen auf uns herab und dringen kurze Botschaften in das Auto, kurz genug, um im Vorbeifahren wahrgenommen zu werden, aber zu kurz, um Rückfragen stellen zu können. „Du siehst es doch auch.“ zum Beispiel. Was sehe ich doch auch? In dem Satz steht alles oder nichts.
Wahrscheinlich soll da eine Verbundenheit hergestellt werden und weniger ein Inhalt ausgesprochen werden. Dass mir dabei der zweifelhafte Satz: „Du willst es doch auch …“ in den Sinn kommt, sage ich lieber nicht. Aber vielleicht ist das auch Absicht?
Oder der Satz: „Sie leben von deinen Steuergeldern.“ Wer bitte ist sie? Deren Abgeordnete in Berlin werden da wohl ausgenommen sein, es soll eher wieder eine Verbundenheit hergestellt werden zwischen wir, die Guten und eben „sie“, die Bösen.
Da spielt jemand mit meinen Gefühlen, versucht Hass und Wut zu wecken und für sich zu nutzen. Wie so jemand Politik macht, wenn er an der Macht ist, wenn er jetzt schon mit meinen Gefühlen spielt, will ich mir nicht ausdenken.
Jesus hat übrigens auch so eine Art „Wahlkampf“ gemacht, er wollte, dass die Jünger die Menschen für das Reich Gottes gewinnen und dafür sollten sie seine Zeugen sein bis ans Ende der Erde.
Ein Zeuge ist mehr als eine „Lehrkraft“ oder ein Referent. Ein Zeuge steht für etwas ein mit seinem Leben, Sprechen und seiner Persönlichkeit. Er glaubt an das, was er mir vermitteln will. Politiker, die Zeugen sind, spielen nicht mit mir, die machen vielleicht nicht immer alles richtig, irren sich auch mal, handeln mühsam Kompromisse aus, haben ihre Schwächen, aber sie zeigen ihr Gesicht und das nicht nur auf Wahlplakaten.
Um noch einmal den Bogen zum Glauben zu spannen: Überzeugt vom christlichen Glauben haben uns immer Menschen, vielleicht die Eltern, vielleicht andere, die überzeugend waren, weil sie überzeugt waren von dem, wovon sie sprachen. Und weil wir uns bei ihnen aufgehoben fühlten, denn sie spielten nicht mit uns.
Demokratie ist die Kunst, auch gegnerische Meinungen gelten zu lassen
Foto: Weidemann / Pfarrbriefservice
Der Wahl-O-Mat und Religion
- Von Michael Becker
Wenn man sich nicht sicher ist, wo man bei der Wahl morgen seine Kreuze setzen soll, kann man sich vom Wahl-O-Mat helfen lassen. Der stellt 38 Thesen zur Abstimmung und entscheidet hinterher, welche Partei der eigenen Meinung am nächsten kommt. Eine davon lautet:
„An baden-württembergischen Schulen soll es weiterhin konfessionellen Religionsunterricht geben.“ Und es stimmt: Religionsunterricht ist unter Druck geraten. An vielen Schulen ist die Ethikgruppe inzwischen die größte Schülergruppe. Reicht das nicht? Wozu braucht es noch den Religionsunterricht? Zwei Gedanken dazu: 1. Religio bedeutet Rückbindung. Will heißen: Mein Wissen ist nicht der Weisheit letzter Schluss, es gibt hinter mir einen, der größer ist als ich. Das ist eine Haltung, die gerade für eine Demokratie und demokratisch gewählte Amtsträger entscheidend ist. 2. Religionslehrer sind nicht neutral, sie sind Zeugen, die offen für ihren Glauben eintreten. Wie wohltuend ist dies in einer oft so beliebigen Welt. Jugendliche wissen das zu würdigen, sie suchen das. Und mit etwas Stolz füge ich hinzu, dass die ersten Ethikschüler wieder zurück in den Religionsunterricht kommen.
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